Das halbe HerzPressebericht der RNZ vom 27.04.2013

Von Marion Gottlob Wie fühlt sich das an, wenn das Leben plötzlich ganz anders verläuft, als man sich das vorgestellt hat? Annett Pöpplein führte eigentlich ein Bilderbuch-Leben: Sie war glücklich verheiratet, hatte Zwillings- Mädchen zur Welt gebracht, war beruflich erfolgreich – und freute sich gerade erneut über eine – wenn auch unerwartete – Schwangerschaft. Dann der Schock: Ihr Sohn Jens kam mit einem Herzfehler auf die Welt. Lange war nicht klar, ob das Kind überhaupt eine Chance hatte, zu überleben. Doch Annett Pöpplein ließ sich nicht entmutigen. Sie kämpfte für ihr Kind, bis eine Herz- Transplantation Jens das Leben rettete. Nun berichtete die Übersetzerin und Diplom-Psychologin vor mehr als 100 jungen Zuhörern der Marie-Baum-Schule über ihr Schicksal. Schulleiter Helmut Haas und Gesundheitslehrerin Julia Wiese gaben sich beeindruckt: „Hier geht es um Leben und Tod – und darum, wie Leben gerettet werden können.“ Als Annett Pöpplein ihren Sohn Jens 1997 zur Welt brachte, war er mit 4100Grammfast doppelt so schwer wie seine beiden Schwestern zwei Jahre zuvor. „Es war eine einzigartige Nacht.“ Erst einige Tage später entdeckte die Hebamme erste Alarmzeichen: „Das Baby hat ungewöhnlich kalte Hände.“ Kurz darauf wurde Jens richtig krank: Seine Augen verdrehten sich, seine Haut wurde fahl. Mutter und Kind wurden mit dem Notfallwagen ins Krankenhaus gebracht. Dort erfuhr Annett Pöpplein die Diagnose: Herzfehler – und zwar ein komplizierter. Es musste sofort operiert werden.

Der Fehler nannte sich „Einkammer- Herz“, speziell bei Jens „Hypoplastisches Linksherzsyndrom“. Das heißt: Von Geburt an ist nur eine von eigentlich zwei Herzkammern angelegt. In den folgenden fünf Jahren wurde Jens vier Mal am Herzen operiert, mehr als zehn Mal musste sich das Kind einer Herzkatheter-Untersuchung unterziehen, dazu kamen noch zwei Herzschrittmacher- Implantationen. Der Junge erlitt eine Hirnhautentzündung und mehrere Lungenentzündungen. Nach einem Schlaganfall war er auf der linken Seite leicht gelähmt. Schließlich ging es Jens so schlecht, dass er auf die Liste für eine Organtransplantation gesetzt wurde. Und tatsächlich: Nach fünf Monaten wurde ein Spenderherz gefunden. Beim Erzählen ihrer Erinnerungen kamen Annett Pöpplein fast die Tränen: „Irgendwo in Europa war ein Kind gestorben. Ein Kind, an dessen Bett Eltern standen, die das Liebste verloren hatten, was ihnen je in ihrem Leben geschenkt worden war.“ Dieses Herz, so die Referentin, war ein Geschenk, „das mit keinem Geld der Welt zu bezahlen ist.“ Auch die Herz-Transplantation verlief nicht ohne Komplikationen, letztlich aber doch erfolgreich. Seither muss Jens zwar täglich Medikamente einnehmen und regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen in die Klinik gehen, aber davon abgesehen geht es ihm gut. Der 15-jährige Jugendliche besucht mittlerweile eine Waldorfschule und macht dort sogar in der Theater-AG mit.

Ob Annett Pöpplein zugestimmt hätte, dass ihrem Kind im Todesfall Organe entnommen würden, kann sie nicht sagen. Noch einmal schießen ihr allein bei dem Gedanken die Tränen in die Augen: „Ich weiß es nicht – man kann nicht sagen, wie man sich in diesem Fall entschieden hätte.“

Fi Info: Annett Pöpplein: „Das halbe Herz – eine Überlebensgeschichte“, 255 Seiten, dtv-Verlag, 14.90 Euro.

H I N T E R G R U N D Organ- und Gewebespende Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schreibt: „Heute kann die Medizin kranken und behinderten Menschen durch eine Organtransplantation die Chance auf ein neues Lebeneröffnen.“FolgendeOrganeund Gewebe können derzeit nach dem Tod gespendet und übertragen werden: Herz, Lunge, Leber, Nieren, Bauchspeicheldrüse, Darm und Teile der Haut (Organe) – außerdem die Hornhaut der Augen, Gehörknöchelchen, Herzklappen und Teile der Blutgefäße, der Hirnhaut, des Knochengewebes, des Knorpelgewebes und der Sehnen (Gewebe). Es gibt keine feste Altersgrenze für eine Organ- und Gewebespende. Ob gespendete Organe und Gewebe für eine Transplantation geeignet sind, ist im Todesfall medizinisch zu beurteilen. Wichtig ist dabei nicht das Alter des Spenders, sondern das biologische Alter seiner Organe und Gewebe. Mehr Infos unter Telefon 0800/90 40 400 oder unter www.organspende-info.de.
mio