Passend zu unserem derzeitigen GGK-Thema „Die Zeiten der deutschen Teilung: Leben in der DDR“ hatte Kursleiter Herr Weiler ein Zeitzeugengespräch für alle Interessierten der Klassen 13/2 und 13/4 organisiert.


Der Kontakt zu Frau Dr. Christa-Karin Schumann entstand durch deren Enkeltochter, eine Mitschülerin. Nach einer kurzen Begrüßung erzählte Frau Schumann uns ihre Geschichte.

Sie lebte in der DDR und wollte dort als junges Mädchen die Oberschule besuchen. Dies wurde ihr jedoch untersagt, da ihr Vater Arzt war. Über einen Umweg gelang es ihr jedoch später, auf die Oberschule zu wechseln und dort ihr Abitur machen. In ihrer Klasse war sie eine der wenigen, die nicht Mitglied in der FDJ (Freie Deutsche Jugend) waren, was sie mit vielen außerschulischen Sportaktivitäten begründete. Bei ihrer Abiturfeier wurde ihr jedoch eine Auszeichnung für ihre sportliche Tätigkeit verwehrt. Stattdessen wurde im Zeugnis vermerkt, dass sie ein „negatives Mitglied der Gesellschaft“ sei. Ihren Studienplatz als Ärztin erhielt sie nur durch den erzwungenen Beitritt zur FDJ. Doch weiterhin verweigerte sie jegliches Engagement in der FDJ. Daher wurde ihrer Abteilung in der Klinik eine Jahresprämie vorenthalten. So verstärkten die Abneigung gegen das System der DDR und der Wunsch, in den Westen zu fliehen. Allerdings waren ihre Eltern immer ein Hinderungsgrund dafür gewesen, die Flucht wirklich in Angriff zu nehmen. Zu dieser Zeit lebte Frau Schumanns Bruder, dessen Flucht sie unterstützt hatte, bereits im Westen.

In der DDR sei sie sich wie eine Staatsleibeigene vorgekommen. Ihr Leben änderte sich als sie Winfried Baumann kennenlernte. Er war ein Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR. Allerdings war durch seine Kenntnisse auch für den Bundesnachrichtendienst der Bunderepublik interessant und er war auch bereit, für diesen zu arbeiten. Frau Schumann half mit, Nachrichten zu verschlüsseln und diese in den Westen zu senden, was dazu führte, dass beide gemeinsam über Ungarn ausgeschleust werden sollten. Als Christa-Karin Schumann jedoch alleine in Budapest ankam, erklärte man ihr, dass Interesse an Herrn Baumann habe und schickte sie zurück in die DDR.

Der BND kontaktierte sie jedoch nach einiger Zeit wieder und versprach, sie doch auszuschleusen. Abermals verschlüsselte sie Informationen und versandte sie in die BRD. Dabei unterlief ihr eine folgenschwere Unachtsamkeit. Sie nutzte für zwei aufeinanderfolgende Briefe denselben Briefkasten, was von der Stasi bemerkt wurde.

Einen Tag später, als sie von der Arbeit nach Hause zurückkehrte, wurde sie sofort abgefangen und mitgenommen. Ihre beiden Kinder kamen derweil in eine Pflegefamilie. Unverzüglich begannen die Vernehmungen, es folgte Untersuchungshaft und nach einem Jahr die Verhandlungen. Während dieser Zeit wurde sie ständig bewacht – sogar wenn sie auf die Toilette ging. Immer wieder wurde sie darauf hingewiesen, dass das, was sie tat, absolut falsch war. Schließlich wurde sie zu 15 Jahre Haft wegen West-Spionage und Republikflucht verurteilt. Die Haftstrafe zehrte psychisch und körperlich an C. Schumann, sie musste schwere Arbeit als Putzfrau verrichten.

Nach zwei Jahren in Einzelhaft wurde sie ins Strafkommando übergeben, wo sie weitere sechs Jahre ausharren musste, bis sie schließlich am 10.August 1987 eine Nachricht vom Staatsanwalt Wolfgang Vogel bekam, der ihr die Ausschleusung zwei Tage später bestätigte. Leider musste sie erfahren, dass sie nur ihre Tochter mit in den Westen nehmen konnte, da ihr Sohn im Osten bei ihrem Ex-Mann bleiben wollte.

Am 12. August 1987 wurde sie schließlich abgeholt. Auf die Frage, warum sie immer noch in den Westen wollte und warum sie all die Zeit daran festgehalten habe, obwohl alles viel einfacher hätte sein können, antwortete sie „Ich will selbst bestimmen, wo ich lebe!“.

Sie wurde in einem Wagen mit drei Stasi-Mitarbeitern zur Grenze nach Herleshausen gebracht, wo sie letztendlich ausgetauscht wurde. Später wechselte dann ihr Sohn ebenfalls in den Westen. So hatte sie letztendlich doch noch ihr Ziel eines freien, selbstbestimmten Lebens erreicht.

Eine freiwillige Rückkehr aus dem Gefängnis in die DDR wäre möglich gewesen, kam für sie aber nie in Frage, da das eine lebenslange Bespitzelung nach sich gezogen hätte. Selbst Drohungen mit dem Todesurteil brachten sie nicht von ihren Ansichten und ihrem Wunsch nach Freiheit ab. Dieses Festhalten am eigenen Traum, schon in jungen Jahren, berührte uns alle sehr und erfüllte uns mit Bewunderung für solch eine starke Persönlichkeit.

Nachdem wir diese ergreifende Geschichte erst einmal verdaut hatten, stellten einige Mitschüler Fragen, die sie sich während der Schilderung ergeben hatten. Diese wurden freundlich und ehrlich beantwortet. Abschließend bedankten wir uns bei Frau Christa-Karin Schumann mit einem Blumenstrauß, Schokolade und vor allem einem großen Applaus.

Natascha Katzenberger, 13-4